Bild des Monats
Check Mate
Natalie Paneng, Check Mate, 2023, Lentikulardruck, 89cm x 89 cm, Auflage von 3, Galerie Eigen + Art
Natalie Paneng ist eine New-Media-Künstlerin, die Foto- und Videobearbeitung nutzt, um neue Welten und traumartige Geschichten zu erschaffen. In diesen Universen begegnet man unterschiedlichen Charakteren, die alle von der Künstlerin selbst gespielt werden. Paneng untersucht in ihren Werken die Bedeutung ihrer Träume und die Rolle der alternativen Schwarzen Frau innerhalb sich verformender und wandelnder Erzählungen. Ein wichtiger Aspekt ist für sie dabei das Internet. Es ist für sie ein Ort, in dem sie nicht denselben Regeln und Maximen wie im echten Leben folgen muss. Dort kann sie ganz authentisch sie selbst sein und frei entscheiden, wie präsent sie sein möchte. Dieses Gefühl der Freiheit versucht sie in ihren traumartigen Arbeiten wiederzugeben und hofft, dass das Gefühl der Freiheit auf die Betrachter:innen überspringt. Sie beschäftigt sich jedoch auch mit den negativen Aspekten, was es bedeutet, eine Online-Präsenz zu haben, welche Persönlichkeiten wir online entwickeln und wie das Internet und seine Algorithmen uns und unsere wahrgenommene Realität kontrollieren und beeinflussen.
Die besondere Technik des Lentikulardrucks verleiht dieser besonderen Arbeit gleich mehrere Ansichten. Je nachdem aus welchem Winkel es betrachtet wird, verändert sich die Motivik. Ähnlich wie bei einem Wackelbild werden mehrere Bilder in einer einzigen Arbeit miteinander verbunden, sodass sich durch den Wechsel der Perspektive das sichtbare Motiv verändert.
Man blickt in einem schwarzen Bildraum hinein, dessen Großteil von einer schachbrettähnlichen rechtwinkligen Fläche eingenommen wird. Am Ende dieses Schachfelds steht eine Version der Natalie Paneng, die ein Kleid trägt, das ebenso eine Schachbrett-Musterung hat. Dieses Kleid hat die Künstlerin oft in ihren persönlichen Träumen getragen und erscheint in ihren Werken immer wieder. In ihrer rechten Hand hält sie ein Smartphone und es erscheint so, als würde sie dieses soeben mit dem Zeigefinger ihrer linken Hand bedienen oder als sei kurz davor es zu bedienen. Dabei umstrahlt ein Kranz aus hellen Lichtstrahlen ihre Fingerspitze. Auf dem Spielbrett, das sich vor ihr erstreckt, befinden sich drei weitere Versionen von ihr, diese sind jedoch mit einem schwarzen Gewand bekleidet. Die Figuren sind unterschiedlich auf dem Spielfeld verteilt und machen alle insgesamt einen eher missgelaunten oder enttäuschten Eindruck.
Die Ursache ihrer Verstimmung kann man erkennen, sobald man seinen Standort leicht verändert. Dafür genügt es, sich als betrachtende Person nur einen Schritt zur Seite zu bewegen. Den schwarzen Spielfiguren gegenüberstehend befinden sich die gegnerischen Spielerinnen. Diese tragen wieder das schwarz-weiß karierte Kleid. Diese drei Versionen von Paneng machen einen deutlich selbstbewussteren Eindruck und scheinen zum Teil direkt mit den schwarzen Spielfiguren zu interagieren. Die eine hebt beispielsweise den Zeigefinger vor die Lippen und verdeutlicht so der schwarzgekleideten Paneng ruhig zu bleiben. Eine andere Figur scheint sich an einer anderen vorbeizuschleichen und insgesamt entsteht der Eindruck, als hätten die Figuren in Schwarz-Weiß das Spiel fest in Griff. Aus diesem Blickwinkel steht diesmal am Ende des Schachfeldes eine große in schwarz gekleidete Paneng, die gerade dabei ist, ihr Handy zu bedienen.
Der Titel „Check Mate“ lässt vermuten, dass eines der hinter dem Spielbrett stehenden Alter Egos von Paneng gerade dabei ist, die Partie für sich zu entscheiden. Dadurch, dass die Spielfiguren von den beiden großen Spielerinnen anscheinend durch die Bedienung ihrer Smartphones kontrolliert werden, entsteht der Eindruck, dass das Schachbrett womöglich als Sinnbild für die digitale Welt verstanden werden kann. Eine der beiden Spielerinnen stellt hier Paneng als Individuum dar, das Online die Möglichkeit hat über seine Selbstdarstellung frei zu entscheiden und diese zu gestalten. Gleichzeitig gibt es jedoch Hindernisse in Form von Algorithmen oder Kommentaren, die Einfluss auf diese Entscheidungen nehmen und damit gewissermaßen selbst zu einer Mitspielerin im digitalen Raum werden. Jedoch bleibt die Frage offen, wer letztendlich die Kontrolle über das Spiel behält.
Als ich dieses Werk zum ersten Mal erblickte, zog es mich aufgrund seines besonderen hologrammartigen Effekts sofort in seinen Bann. Panengs künstlerische Absicht ist es, die Betrachtenden zum Spielen und zum Entdecken anzuregen. Und genau dieses faszinierende Zusammenspiel der Perspektiven lädt die Menschen dazu ein, die Arbeit näher zu betrachten, sich aktiv um sie herum zu bewegen und dadurch selbst den nächsten Zug auf dem Schachfeld zu bestimmen.
Text: Helena Dietz




